Junge Pflegebedürftige schlecht versorgt

Möglichst lange ohne fremde Hilfe leben können, das ist der Wunsch von vielen Pflegebedürftigen. Speziell bei den pflegebedürftigen Menschen unter 60 Jahren ist dieser Wunsch aber oft nicht ausreichend realisierbar: Denn jeder Zweite zwischen zehn und 29 Jahren kann den Wunsch, beispielsweise in einer Wohngruppe zu leben, nicht umsetzen, da nicht ausreichend Plätze in entsprechenden Einrichtungen vorhanden sind. Zu diesem Schluss kommt die Barmer in ihrem aktuellen Pflegereport 2017, der heute in Berlin vorgestellt wurde.

Die Kasse hat knapp ein Jahr nach der großen Pflegereform mit dem Pflegestärkungs­gesetz II den Schwerpunkt junge Pflegebedürftige gewählt. „Das sind die Stiefkinder der Pflege“, erklärte Christoph Straub, Vorstandvorsitzender der Barmer vor Journalisten. Die Gruppe, zu der in den Pflegestufen I bis II etwa 386.000 Menschen gehören, haben ganz andere Wünsche und Bedarfe als Menschen über 60 Jahren mit Pflegebe­dürftigkeit.
Städte und Gemeinden sind gefragt
„Für junge Pflegebedürftige geht das Angebot an geeigneten Pflegeplätzen an deren Bedürfnissen vorbei, Wunsch und Wirklichkeit klaffen häufig auseinander“, sagte Straub. Er forderte Pflegekassen, Leistungserbringer und Politiker verschiedener Ressorts auf, dringend die Situation zu verbessern und zügig zu handeln. „Gefragt sind aus unserer Sicht zum Beispiel die Städte und Gemeinden. Sie müssen die Wünsche junger Pflegebedürftiger endlich stärker in der kommunalen Bedarfsplanung berücksichtigen“, sagte Straub weiter.

„Dazu muss neben dem altengerechten Wohnen das altersgerechte Wohnen in den Mittelpunkt rücken.“ Als Kranken- und Pflegekasse könne die Barmer nur Anstöße geben. Gemeint sind vor allem altersgerechte und aktive Teilnahme am Leben für jüngere Menschen. „Denn ein 30-jähriger Pflegebedürftiger hat in einer Wohngruppe mit 80-Jährigen nichts verloren.“

In der Studie, die Heinz Rothgang vom Socium-Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen für die Kasse erstellt hat, arbeitete im Schwerpunkt vor allem die unterschiedlichen Pflegebedarfe der jungen Menschen heraus. Pflegebedürftige unter 60 Jahren machen 13,5 Prozent aller Pflegebedürftige aus. Laut Statistik sind sie überwiegend männlich, ihre Pflegebedürftigkeit ist häufig reversibel, die Verbesserung der Situation und damit die Abstufung der Pflegestufe ist häufig.
Andere Krankheitsbilder verändern den Bedarf
Bei der Pflege von jüngeren Menschen treten andere Krankheitsbilder auf, dazu gehören in 35 Prozent der Fälle Lähmungen, 32 Prozent Intelligenzminderungen, 24 Prozent Epilepsie, 22 Prozent Entwicklungsstörungen und bei zehn Prozent das Down-Syndrom. Damit verändert sich das Spektrum der Pflege sowie der Bedarf. „Dem müssen Pflegeeinrichtungen künftig verstärkt Rechnung tragen“, sagte Rothgang.

Laut einer Versichertenbefragung der Kasse wünschen sich viele junge Pflegebe­dürftige einen Platz in einer Wohngruppe oder einer betreuten Wohngemeinschaft. Allerdings gibt die Hälfte der Befragten an, diesen Wunsch nicht realisieren zu können, da es zu wenig Angebote gibt. Ebenso würden rund 20 Prozent der Befragten Angebote der Tagespflege nutzen, doch nur 13 Prozent können dies nutzen. Dabei geht es nicht um eine intensive tägliche Nutzung dieses oft ambulanten Angebots. Viele wünschen sich, ein bis zwei Mal die Woche zu einer Einrichtung gehen zu können.

„Hier zeigen sich deutliche Versorgungslücken“, sagt Rothgang. „Aus der Differenz der insgesamt geäußerten Inanspruchnahme zu den geäußerten Wünschen kann ein Mehrbedarf von gut 4.000 teilstationären Pflegeplätzen ermittelt werden“, erklärt der Forscher weiter.

(Quelle: © bee/aerzteblatt.de)

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